Handel & Wirtschaft

Das dicht bebaute alte “Kirchosten”, wie es früher hieß, mit seinen engen Straßen war schon vor weit mehr als hundert Jahren alles andere als ein Kuhdorf: Keinen einzigen Bauernhof gab es innerhalb der Ortsgrenzen, wohl aber Reeder und Handwerker, Ärzte und Beamte, Händler und Hoteliers, bald auch eine Privatschule und eine Sparkasse.

In jener Zeit, als noch keine einzige Straßenbrücke die Untere Oste zwischen Bremervörde und der Mündung überquerte, beflügelte nicht zuletzt die Ostener Flußfähre die lokale Wirtschaft - und auch die Wirtschaften, “von denen der kleine Ort von 750 Seelen 15 aufweisen konnte”, wie die Pfarrersfrau Elisabeth Bartels verwundert feststellte, als ihr Gemahl 1906 Superintendent in Osten wurde.

“Eine große Vergnügungssucht” nahm die fromme Frau in dem wohlhabenden Markt- und Handelsort wahr, “eine Tanzlust, wie man es noch niekennengelernt”: “Fast an jedem Abend im Winter drang aus irgendeinem Lokal Tanzmusik in die Nacht hinaus.” Schon vor ihrer Ankunft hatte sie Schlimmes über das sündige Dorf gehört: “Ja, da sollten die Lokale nie leer sein, da waren die Tische voll, auf denen der Wein stand, der in Strömen floß. Das Geld war ja in Hülle und Fülle vorhanden.”

Zu ungeahntem Reichtum verhalf der Fluß während des 19. Jahrhunderts jenen Anrainern, die den angeschwemmten fetten Schlick rund um Osten in 15 Ziegeleien zu Klinkersteinen brennen ließen. Die “Lehmkonditoren”, wie die Ziegeleibesitzer im Volksmund hießen, transportierten die Backsteine teils mit eigenen Schiffen bis nach Hamburg, das nach dem Großen Brand von 1842 vor allem mit Baumaterial aus Kehdingen und der Ostemarsch wieder aufgebaut wurde. 

Schon hundert Jahre vor Beginn des Ziegelrauschs, der um 1840 einsetzte und gegen 1900 endete, hatten sich die reichen Ostener von keinem Geringeren als dem damaligen Stararchitekten Prey, einem Miterbauer des Hamburger Michel, ihre barocke St.-Petri-Kirche entwerfen lassen - ein wunderschönes Gotteshaus, das allerdings schon bei der Einweihung im Jahre 1748 mit seinen 1200 Sitzplätzen den Bedarf des eher kirchenfernen Landvolks weit übertraf.

 

Jochen Bölsche, auszugsweise aus: www.ostechronik.de